Eine Führungskraft hat ihr Anliegen geschickt. Er schrieb:
“Ich vertrete unsere AI-Strategie nach außen mit Klarheit. Im internen Steuerkreis bin ich derjenige, der Tempo macht. Aber abends lese ich seit Monaten Texte, die mich an dieser Klarheit zweifeln lassen. Nicht an der Technologie, sondern daran, was sie mit unserem Können macht, mit unseren Routinen, mit unserem Verhältnis zur Arbeit. Ich weiß nicht, wie ich diese beiden Stimmen zusammenführe, ohne mich aufzugeben oder das Vorhaben zu sabotieren.”
Auf Qvado wollen wir die Anliegen der Mitgliederinnen und Mitglieder aufgreifen und ich (Christoph Niehus) verfasse dazu ein Denkstück, um das Thema für alle vorzubereiten:
Denkstück zur AI-Strategie
Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb. Erschienen 1989.
Es gibt eine Form der Demut, die sich kaum von Selbstaufgabe unterscheiden lässt: die Demut, mit der man dem dient, was größer scheint als das eigene Urteil. Niemand spricht so gern darüber. Sie hat keinen Ehrenplatz im Vokabular der Führung. Aber sie ist da, in jeder Position, die etwas verkörpert, dessen Tragweite den eigenen Horizont übersteigt. Wer eine AI-Strategie vertritt, kennt sie besonders.
Die Demut sagt: Ich bin nicht der einzige, der hier urteilt. Andere sehen mehr. Der Markt weiß mehr. Die Technologie entwickelt sich schneller, als ich nachdenken kann. Mein Vorstand, mein Aufsichtsrat, meine Investoren, meine Berater haben Argumente, die ich aufnehme. Mein eigenes abendliches Lesen kann nicht alles berücksichtigen, was im Steuerkreis zur Sprache kommt. Also vertraue ich dem Urteil. Nicht blind, aber doch im Wesentlichen. So funktioniert Verantwortung in komplexen Systemen.
Das ist nicht falsch. Es ist nur schwer ehrlich zu halten. Denn das Vertrauen, einmal gegeben, hat eine Eigendynamik. Es will nicht ständig neu verhandelt werden. Wer einer Sache vertraut, hört allmählich auf zu fragen, ob das Vertrauen noch gerechtfertigt ist. Das ist keine Schwäche; es ist die Bedingung dafür, dass Vertrauen funktioniert. Aber es ist auch der Anfang einer Bewegung, in der das eigene Urteil ausläuft. Nicht plötzlich. Allmählich, höflich, fast unmerklich, bis eines Tages kein eigenes Urteil mehr da ist, das ausgelaufen wäre.
Wer abends Texte liest, die ihn an der tagsüber vertretenen Klarheit zweifeln lassen, hat dieses Vertrauen noch nicht ganz vergeben. Die Zweifel sind das Letzte, was vom eigenen Urteil übrig ist. Sie zeigen, dass die Person noch da ist, hinter der Strategie. Sie sind eine Form von Sehnsucht: ein Rest, der nicht delegieren möchte.
Kazuo Ishiguro hat eine Figur erfunden, die diese Bewegung bis zum Ende durchgegangen ist.
Stevens, Butler in Darlington Hall, zwischen den Weltkriegen. Ein Mann, der den Inbegriff seines Berufs verkörpert: dignity, Würde, das vornehmste Wort seiner Zunft. Stevens dient mit voller Hingabe einem Lord, der nach dem Ersten Weltkrieg an etwas Großem arbeitet. Lord Darlington findet den Versailler Vertrag ungerecht; er möchte zwischen England und Deutschland vermitteln; er empfängt Gesandte, lädt zu Konferenzen, glaubt an seine Mission. Er ist kein böser Mann. Er ist ein Mann, der die Welt verbessern will, und er bewegt sich in den Räumen, wo Welt verbessert wird.
Stevens dient ihm. Er stellt sich nicht die Frage, ob das, was Lord Darlington tut, richtig sei. Diese Frage gehört nicht in sein Aufgabenfeld. Er sorgt für den Wein, die Menüs, den reibungslosen Ablauf. Er ist exzellent. Er hält sich an einen Satz, den er immer wieder denkt: Es bleibt einem nichts übrig, als sich darauf zu verlassen, dass derjenige, dem man dient, das Richtige tut.
Das ist die Form, in der Stevens seine Demut formuliert. Sie klingt vernünftig. Sie ist auch vernünftig, in einem bestimmten Sinn. Niemand kann alles wissen. Niemand kann jede Entscheidung selbst treffen. Wer in einer komplexen Welt funktionieren will, muss vertrauen.
Die Frage, die Ishiguros Roman stellt, ist nicht, ob dieser Satz falsch ist. Die Frage ist, was geschieht, wenn man ihn bis zum Ende durchhält.
Es gibt eine Szene, spät im Buch, in einer kalten Nacht in den dreißiger Jahren. Lord Darlington empfängt heimlich den deutschen Botschafter Ribbentrop, den britischen Premierminister, den Außenminister. Es geht um eine Annäherung, eine Geste, die später als appeasement in die Geschichtsbücher eingehen wird. Reginald Cardinal, der Patensohn Lord Darlingtons, ist im Haus. Er ist jung, Journalist geworden, unangekündigt erschienen. Er weiß, was im Salon verhandelt wird. Er weiß auch, dass sein Patenonkel ein Werkzeug geworden ist, ohne es zu merken.
Stevens trägt ein Tablett über den Korridor. Cardinal hält ihn an. Er hat ein wenig getrunken, aber er ist nicht betrunken. Er ist erregt von einer Sorge, die sich nicht in den Salon hineinsagen lässt.
„Stevens”, sagt Cardinal, „interessiert es Sie nicht zu erfahren, was hier heute Abend geschieht?”
Stevens richtet das Tablett. Er antwortet höflich. Es sei nicht seine Stelle, in solchen Dingen Neugier zu hegen.
„Stevens”, sagt Cardinal noch einmal, dringlicher, „mein Patenonkel ist in eine Falle gegangen. Diese Männer benutzen ihn. Was hier heute Nacht beschlossen wird, wird Konsequenzen haben, die Sie und ich nicht überschauen. Verstehen Sie das?”
Stevens versteht. Er ist nicht dumm. Er hat in den Jahren genug gehört, um zu wissen, was im Salon vor sich geht. Aber er antwortet, mit der ruhigsten Stimme, die er hat: Er sei sicher, dass Seine Lordschaft das Richtige tue.
Cardinal schaut ihn an. Er sucht in Stevens’ Gesicht etwas, das er nicht findet. Dann gibt er auf. Er sagt etwas Höfliches, etwas Knappes, und geht zurück in den Salon. Stevens trägt das Tablett weiter. Er konzentriert sich auf seine Pflichten. Er vergisst die Begegnung schnell. Es ist ein produktiver Abend.
Diese Szene ist klein, fast ein Nebenschauplatz. Aber sie enthält das ganze Stück. Stevens hat in diesem Augenblick die Möglichkeit, ein eigenes Urteil zuzulassen. Cardinal lädt ihn ausdrücklich ein, ja, drängt ihn dazu. Stevens muss nicht einmal handeln. Er muss nur einen Satz aussprechen, der nicht „Seine Lordschaft tut das Richtige” ist. Einen Satz, in dem er, Stevens, vorkommt.
Er spricht ihn nicht. Er gibt sein Urteil weiter, in dem Augenblick, in dem es ihm einer reicht. Er sagt nicht: „Ich weiß es nicht.” Er sagt nicht: „Es macht mir Sorge.” Er sagt nicht einmal: „Lassen Sie mich darüber nachdenken.” Er sagt: Es ist nicht meine Stelle.
Das ist die Bewegung, von der dieser Roman handelt. Stevens hat über Jahrzehnte das Urteil seines Lords ausgeliehen. Er hat nicht verraten, er hat nicht widersprochen; er hat schlicht aufgehört, ein eigenes zu führen. Am Ende seines Lebens, auf einer Bank in Weymouth, gesteht er sich ein, was das geheißen hat. Er habe, sagt er, in seinem Leben nicht einmal eigene Fehler gehabt; nur die seines Herrn. Wer das hört, schaudert nicht über die Größe der Schuld, sondern über die Leere, die übrigbleibt, wenn ein Mensch ein Leben lang sein Urteil ausgeliehen hat.
Eine Person, die eine AI-Strategie nach außen vertritt, hat ein Urteil ausgeliehen. Das ist keine Anklage. Es ist der Modus der Rolle. Niemand kann eine technologische Verschiebung dieses Ausmaßes allein beurteilen. Man verlässt sich auf Wissenschaftler, auf Berater, auf den Markt, auf das, was die Zeit zeigt, auf das, was im Vorstand argumentiert wird. Man muss sich verlassen, sonst hätte man keinen Tag, an dem etwas vorangeht.
Aber das Vertrauen will gepflegt sein, sonst wird es zum stillen Verzicht. Stevens hat sein Vertrauen nicht gepflegt; er hat es zur Haltung gemacht. Wer Vertrauen pflegt, prüft es. Wer es zur Haltung macht, hört auf zu prüfen, weil das Prüfen die Haltung untergrübe. Das ist der schmale Grat.
Die abendliche Lektüre, von der hier die Rede ist, ist genau diese Pflege. Sie ist nicht Sabotage. Sie ist auch keine Schwäche. Sie ist das Aufrechterhalten einer eigenen Stimme, die im Steuerkreis kein Quartier hat, weil sie dort kein Quartier haben darf. Aber sie muss irgendwo Quartier haben, sonst läuft das Vertrauen ins Leere und kommt nicht mehr zurück.
Stevens hatte abends Liebesromane. Er las sie als Pflege seines Wortschatzes. Sogar das war ihm zu viel an eigener Stimme. Er funktionalisierte den letzten Rest seiner Innerlichkeit. Wer abends Texte liest, die einen an der tagsüber vertretenen Klarheit zweifeln lassen, ist genau dort, wo Stevens nicht hingegangen ist. Er hat sich erlaubt, nicht zu wissen.
Vielleicht ist das der Punkt, der sich aus der Bewegung des Buches ergibt. Es geht nicht darum, dass das Vertrauen zurückgenommen werden müsste. Es geht nicht darum, im Steuerkreis plötzlich der Skeptiker zu werden. Das wäre eine andere Person, eine, die das Vorhaben sabotiert.
Es geht darum, dass das Vertrauen eines bleibt, das geprüft werden kann. Dass es eine Stimme gibt, neben der öffentlichen, die sich erlaubt, nicht zu wissen. Die nicht behauptet, dass Seine Lordschaft das Richtige tut. Die offenhält, dass Seine Lordschaft, wer immer das heute ist, sich auch täuschen könnte.
Cardinal hat Stevens nicht zum Verrat aufgefordert. Er hat ihn nur gebeten, eine eigene Sorge zuzulassen. Stevens hat das nicht gekonnt. Er hat seine Demut für Würde gehalten und nicht bemerkt, dass beide nicht dasselbe sind.
Was vom Tage übrig blieb, ist Stevens’ eigener Reisebericht. Es ist sein einziges Schreiben in einem ganzen Leben. Es ist der einzige Ort, an dem er, einmal und zu spät, ein eigenes Urteil abgibt. Über sich selbst. Es ist erschütternd, weil es zeigt, dass die eigene Stimme nicht verschwindet; sie wartet. Sie wartet so lange, bis man sie gar nicht mehr ruft, und dann wartet sie weiter. Sie kommt am Ende, wenn man sich auf eine Bank setzt und auf das Meer schaut.
Die Frage, die Ishiguros Roman einer Person stellt, die abends liest, was sie tagsüber zweifeln lässt, ist nicht: Wann höre ich auf zu vertrauen. Sondern: Wem genau habe ich mein Urteil gegeben, und wann habe ich es zuletzt zurückgenommen, um es noch einmal anzuschauen.
Es ist eine kleine Bewegung. Aber es ist die Bewegung, die Stevens nicht gemacht hat. Und die er, am Tag in Weymouth, eingestand, nie gemacht zu haben.
Perspektivfragen:
— Wem haben Sie Ihr Urteil über die AI-Strategie zuletzt anvertraut, ohne es zu merken? Würden Sie diesen Satz aussprechen können, wenn jemand danach fragte?
— Stevens sagt am Ende, er habe in seinem Leben nicht einmal eigene Fehler gehabt. Was wäre Ihr eigener Fehler in dieser Verschiebung, wenn Sie ihn zuließen?
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